Wann ist es genug?
- Regula Müller

- 3. Aug.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 2 Tagen

Selbstoptimierung versus Selbstentwicklung.
Es sei nun genug mit der ewigen Selbstoptimierung. Die Menschen seien müde davon. Das habe ich in letzter Zeit immer wieder gelesen. Irgendwie hat mich das auf zweierlei Weise betroffen gemacht.
Einerseits natürlich, weil es mir ein grosses Anliegen ist, Menschen, und insbesondere Menschen in Führungspositionen, ein Stück auf ihrem Entwicklungsweg zu begleiten. Andererseits – und noch viel gewichtiger – fände ich es sehr bedauerlich, wenn dadurch die persönliche Entwicklung vieler Menschen wieder vermehrt gebremst würde.
Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir jedoch, dass hier wahrscheinlich ein grosses Missverständnis besteht. Selbstoptimierung und Selbstentwicklung sind für mich nämlich zwei verschiedene Wege.
Selbstoptimierung ist eine Falle unserer Leistungsgesellschaft. Ich gestehe mich selbst schuldig im Sinne der Anklage. Lange Zeit bin ich meine persönliche Entwicklung genauso angegangen wie alle anderen Aufgaben in meinem Leben. Mit viel Fleiss und grossem Engagement versuchte ich, mich selbst zu optimieren. Zudem las ich unzählige Bücher, absolvierte viele Weiterbildungen und ging die «Sache» ziemlich verbissen an.
Irgendwann war ich frustriert (und manchmal passiert mir das heute noch 🙂). Ich hatte doch so vieles verstanden. Weshalb funktionierte es trotzdem nicht? Natürlich hatte ich auch den Anspruch, dass nach jeder Erkenntnis bitte schön sofort alles funktionieren sollte.
Warum war ich noch immer nicht die Person, die ich glaubte, sein zu müssen? Weshalb wurde ich immer noch so wütend? Weshalb reagierte ich manchmal aufbrausend, nur um mich danach dafür zu schämen?
Ich wollte andere verstehen, für sie da sein und so führen, dass sie sich einbringen konnten, ohne sich dominiert oder manipuliert zu fühlen.
Als irgendwann jemand zu mir sagte: «Steh zu dir, Regula», begann ich langsam zu ahnen, worum es eigentlich geht. Wirklich begriffen habe ich es jedoch erst viel später, als ich wieder einmal über den Satz «Sag JA zu dir» gestolpert bin.
Da wurde mir plötzlich klar, worin der entscheidende Unterschied liegt.
Selbstoptimierung erzeugt Druck. Es ist ein Druck, den wir uns selbst auferlegen. Es sind Erwartungen, Ideale, Rollenbilder oder der Wunsch, endlich so zu sein, wie man glaubt, sein zu müssen.
Nur ist es eben so, dass dauerhafter Druck selten zu einer Entwicklung führt, die nachhaltig trägt. Er verstärkt oder löst vielmehr einen Kampf gegen sich selbst aus. Das macht schrecklich müde. Daraus entstehen Erwartungen an sich selbst, die kaum je erfüllt werden können.
Ein JA zu dir bedeutet etwas ganz anderes. Es bedeutet, dich so anzunehmen, wie du heute bist. Nicht erst dann, wenn du dich genügend optimiert hast. Nicht erst, wenn du «perfekt» bist (was du sowieso nie sein wirst).
Es bedeutet, von dem Menschen auszugehen, der du heute bist. Mit all deinen Stärken, Unsicherheiten, Abgründen und Widersprüchen.
Das mag zunächst ungewohnt klingen. Doch genau darin liegt der Anfang echter Selbstentwicklung. Je öfter du JA zu dir sagst, dich annimmst und dir mit mehr Nachsicht begegnest, desto beständiger entwickelst du dich weiter. Vielleicht langsamer, als du es dir wünschst. Dafür aber echter und somit viel authentischer.
Zur Veranschaulichung schildere ich dir gerne ein Beispiel. Es ist frei erfunden und Ähnlichkeiten mit realen Personen oder Ereignissen sind rein zufällig 🙂:Jean-Paul leitet seit einigen Jahren ein Team. In einem Seminar lernt er, dass gute Führung partizipativ sein sollte. Das überzeugt ihn. Er bemüht sich, sein Team einzubeziehen, gut zuzuhören und für die Mitarbeitenden da zu sein. Das gelingt meist ganz gut, und die Menschen fühlen sich wohl mit ihm.
Dann aber nimmt der Druck im Unternehmen immer mehr zu und Jean-Paul gerät innerlich in Not. Er hat Angst, den Anforderungen an sich und sein Team nicht mehr gerecht zu werden. Jetzt fällt er in sein altes Muster zurück. Er entscheidet alles alleine, informiert sein Team kaum noch und duldet wenig Widerspruch. Die Mitarbeitenden sind irritiert, und einige kündigen sogar.
Was ist passiert?Jean-Paul hat versucht, sich zu optimieren. Er wollte der Führungsperson entsprechen, die in Fachbüchern beschrieben und in Seminaren vermittelt wird.
Als Mentorin hätte ich Jean-Paul anders unterstützt. Ich hätte nicht zuerst versucht, sein Verhalten zu verändern, sondern ihn eingeladen, sich ehrlich zu fragen: Warum führe ich andere Menschen? Wie viel traue ich ihnen tatsächlich zu? Was für Vorbilder habe ich?
Vielleicht hätte ein JA zu sich selbst bedeutet, sich einzugestehen: «Mir fällt es noch schwer, andere einzubeziehen. Ich habe Angst, dass die Resultate dann nicht gut genug ausfallen. Ich möchte alles unter Kontrolle haben.»
Von dort aus hätte Entwicklung beginnen können. Schritt für Schritt. Im eigenen Tempo. Möglicherweise hätte Jean-Paul dabei auch erkannt, dass Führung gar nicht sein eigener Wunsch war, sondern allenfalls die logische Folge seiner Karriere.
Darin liegt für mich der grosse Unterschied. Selbstoptimierung orientiert sich an äusseren Erwartungen.
Selbstentwicklung hingegen beginnt mit ehrlichen Fragen. Stimmt das überhaupt für mich? Macht es mir Freude? Kann ich diesen Weg mit Überzeugung gehen? Entspricht das meinen Werten?
Das sind für viele keine einfachen Fragen. Schliesslich können die Antworten grössere Veränderungen nach sich ziehen. Meist gehen damit grosse Ängste einher, die sich nicht über Nacht auflösen. Es braucht Zeit und Geduld.
Wichtig scheint mir auch zu erwähnen, dass ein JA zu dir nicht mit dem Satz «So bin ich halt» zu verwechseln ist. Darin steckt oft Trotz oder sogar Resignation. Nicht die anderen müssen dich so annehmen, wie du bist. Zuerst darfst du dich selbst annehmen. Wenn du dann zu dir sagen kannst, «So bin ich halt», ist es dir wahrscheinlich nicht mehr wichtig, was die anderen meinen.
Selbstoptimierung fordert Leistung. Selbstentwicklung hingegen braucht Geduld und die Bereitschaft, sich selbst zuzuwenden. Dafür braucht es den Mut, ehrlich hinzuschauen und hinzufühlen. Sich selbst besser kennenzulernen.
Oft geschieht Veränderung ganz leise. Fast unbemerkt. Irgendwann merkst du plötzlich, dass du selbstverständlich anders handelst als früher. Dass du zum Beispiel klar Nein sagen kannst. Nicht aus Trotz oder Abwehr, sondern weil dieses Nein ganz natürlich geworden ist. Dann wird auch dein JA im Aussen klarer und glaubwürdiger.
Selbstentwicklung bedeutet auch, Dinge manchmal einfach stehen zu lassen. Nicht alles analysieren zu müssen. Nicht ständig an sich herumzuoptimieren, sondern den Kampf gegen sich selbst immer öfter loszulassen. Dir selbst auch dann ein JA zu geben, wenn dir das gerade schwerfällt.
Für mich ist das der entscheidende Unterschied. Selbstoptimierung führt in den Kampf gegen sich selbst. Selbstentwicklung beendet ihn. Langsam. Schritt für Schritt. Aber dafür umso echter.
Dadurch wird es immer friedlicher in dir. Aus diesem inneren Frieden heraus wird auch das Miteinander leichter. Im Beruf genauso wie im Privatleben.
Selbstentwicklung ist für mich kein vorübergehender Trend, sondern ein lebenslanger Weg.
Ich wünsche dir immer wieder den Mut, dir selbst ein JA zu geben.
Herzlich
Regula Müller




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