Ein klares Nein bedingt ein starkes JA
- Regula Müller

- 30. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 5. Juli

Was starke und bewusste Führungsmenschen ausmacht
«Ein Nein ist ein ganzer Satz». Das hast du im Zusammenhang mit Grenzen setzen sicher auch schon gehört. Nur, schön wärs!
Der Druck steigt. Die Anforderungen werden komplexer und die Erwartungen größer. Der Mensch gerät dabei immer mehr in den Hintergrund. Sich abzugrenzen, für sich einzustehen, für das eigene Team da zu sein, scheint bei diesem Tempo kaum mehr möglich.
Ich höre das immer wieder, wie ohnmächtig sich Menschen in leitenden Funktionen fühlen. Wie sehr sie zwischen Erwartungen von außen und dem, was sie selbst noch tragen können, zerrieben werden. Sie funktionieren wie Roboter.
Ich mag heute deshalb die Bezeichnung «Führungsmenschen» lieber, auch wenn das kein gängiger Begriff ist. Nicht Führungskräfte. Nicht Leader. Führungsmenschen eben. Dieser Begriff drückt viel ehrlicher aus, worum es wirklich geht. Immer noch auch um Menschen! Also auch um dich.
Als Führungsmensch bist du zuallererst eine/r, der/die Beziehungen pflegt. Zu deinem Team, zu deinen Vorgesetzten, deinen Kolleginnen und Kollegen. Und, natürlich zu dir selbst.
Du fragst dich vielleicht: „Wie soll ich gute Beziehungen pflegen, wenn ich selbst kaum noch Luft kriege?"
Nach meiner Erfahrung gibt es dafür kein Rezept und keine neue Methode. Es gibt nur einen Weg. Den zu dir selbst. Dich zu getrauen, heikle Fragen zu stellen:
Wie gehst du mit dir um?
Wie hart bist du mit dir?
Welche Glaubenssätze bestimmen, wie viel du dir zumutest und
Wie wenig erlaubst du dir selbst?
Gerade in einer Welt, die immer technisierter und digitalisierter wird, ist es wichtiger denn je, zu wissen, wer du wirklich bist. Wie du tickst. Was dir wirklich, wirklich wichtig ist.
Du darfst dich darum zuerst einmal überhaupt selbst entdecken. Dich selbst besser kennenlernen. Dies ist übrigens ein «Projekt», welches nie abgeschlossen sein wird, aber dafür wohl das lohnendste, welches du je angehen kannst.
Die Veränderungen, die das mit sich bringt – für dich und für dein Team – sind riesig. Sie kommen nicht mit einem Paukenschlag. Sie sind auch nicht wirklich messbar, wie das Projekte sonst so an sich haben müssen. Sie zeigen sich leise, sanft und fast unbemerkt. Dafür umso tiefgehender und anhaltender.
Kennst du Situationen, in denen du Ja zu etwas sagst und gleichzeitig spürst, dass du dir selbst ein Nein gibst?
Wie oft bemerkst du das im Moment und wie oft erst im Nachhinein? Weißt du, warum dir das passiert?
Solange du dich selbst nicht kennst, dir selbst nicht bewusst bist und keine Sicherheit in dir selbst spürst, wirst du vor allem das tun, was andere von dir verlangen. Du wirst dich noch mehr anstrengen, noch mehr wissen wollen, noch länger arbeiten, noch besser funktionieren.
Du sagst dir wahrscheinlich auch oft, nur noch bis Ende dieses Jahres, bis zum Ende dieses Projektes, oder bis der neue Mitarbeitende eingeführt ist. Nur, das täuscht. Es hört nicht auf. Es ist nie genug.
Das geht natürlich nicht spurlos an dir vorbei. Manchmal dauert es aber eine Weile, bis du merkst, dass etwas nicht stimmt.
So war das zumindest bei mir.
Jahrelang hat es gut funktioniert, einfach nur zu funktionieren. Ich habe das, was ich tat, ja auch gerne getan. Nur, es war nie genug. Weder für andere noch für mich selbst. Weil ich so gut funktionierte, kamen zudem immer wieder mal andere, neue Aufgaben dazu. Und natürlich habe ich nicht Nein gesagt, obwohl ich irgendwann spürte, dass es zu viel war.
Zeit für mich selbst? Gefühlt keine. Ich stellte irgendwann fest, dass ich es mir schlicht nicht erlaubte, überhaupt über mich nachzudenken.
Und dann meldete sich der Körper und äussere Umstände. Die Zeichen waren längst da. Ich hatte sie einfach nicht beachtet, oder nicht beachten wollen. Bis es nicht mehr anders ging. Da lernte ich, mich mir selbst zuzuwenden.
Dieses «Projekt» wird nie abgeschlossen sein. Und darum geht es auch nicht. Es geht auch nie um Perfektion.
Dich selbst zu erkunden ist manchmal mühsam. Es braucht Mut. Manchmal wirst du das Gefühl haben festzustecken. Aber du kannst nie dorthin zurück, wo du warst und das ist gut so. Das bedeutet nämlich, dass du auch dann Fortschritte machst, wenn du es nicht merkst. Leise, sanft und tief wirksam. Du kommst dir immer näher. Du spürst dich besser. Du wirst dir selber gegenüber milder. Du merkst immer deutlicher, was für dich stimmt – und was eben nicht.
Je besser du dich kennst, desto schneller und klarer kannst du Ja zu dir sagen.
Und Achtung: Ein Ja zu dir bedeutet eben nicht, dass du perfekt sein musst. Was wirklich Mut braucht, ist das Ja zu dir selbst auch dann, wenn du dir gerade nicht gefällst. Wenn du etwas an dir nicht magst.
Das JA zu dir drückt sich nicht darin aus, dass du sagst «so bin ich halt». Das ist Resignation, nicht wirkliche Zustimmung.
Es gibt dafür auch keine «Instant-Lösung». Es braucht nicht nur Mut, sondern auch Geduld. Wenn du jetzt sagst, dass du die nicht hast, dann sage ich, «Willkommen im Club». Und, auch dazu darfst du einfach JA sagen.
Je öfter es dir gelingt, dich so anzunehmen, wie du jetzt bist, desto vertrauter wirst du mit dir. Du wirst dich mit dir selbst wohler fühlen und dadurch wirst du im Außen klarer werden. Klarer Nein sagen können. Nicht weil du musst, sondern weil du weisst, was du brauchst und was gut für dich ist.
Da JA zu dir bedeutet, dass du dir selbst immer treuer sein kannst. Du lebst viel mehr nach dir und nicht nach anderen. Du wirst als Führungsmensch stärker und klarer, auch wenn der Druck von außen groß ist. Selbst auch dann, wenn ständig Veränderungen anstehen. Du musst nicht mehr nur funktionieren. Du kannst entscheiden. Für dich. Für dein Team. Aus einer Klarheit heraus, die sich auf alles überträgt.
Und diese Energie, die dadurch frei wird, die ist spürbar. Für dich. Und für alle um dich herum.
Was wäre, wenn du dir heute mal einen Moment bewusst Zeit für dich nimmst? Einfach mal eine Weile inne hältst? Nicht um etwas zu lösen. Einfach nur um zu spüren, wie es dir gerade wirklich geht.
Herzlich,Regula Müller




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